Spirituelle Perspektive
Vergessen wird meist als Mangel verstanden — als Verlust von etwas, das eigentlich hätte bleiben sollen. Das Prinzip des Rhythmus lädt zu einer anderen Sicht ein: Erinnern und Vergessen sind zwei Bewegungen desselben Prozesses, so wie Einatmen und Ausatmen zwei Bewegungen desselben Atems sind. Ohne Vergessen wäre der Geist überflutet mit jeder einzelnen sensorischen Erfahrung eines Lebens, unfähig, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden. Vergessen schafft Raum — für neue Eindrücke, für neue Bedeutungen, manchmal sogar für eine barmherzigere, verarbeitete Version einer schwierigen Erinnerung. Dies bedeutet nicht, dass jedes Vergessen wünschenswert ist — manches verdient, bewusst festgehalten zu werden. Es bedeutet vielmehr, das Vergessen nicht grundsätzlich als Feind des Erinnerns zu behandeln, sondern als seinen notwendigen rhythmischen Partner, ohne den Erinnerung selbst gar nicht funktionieren könnte.