Spirituelle Perspektive
Perfektionismus wird oft als hohe Ansprüche an sich selbst missverstanden — dabei ist er häufig etwas anderes: die Weigerung, den eigenen Gegenpol des Gelingens zuzulassen, nämlich das Scheitern, das Unvollständige, das Fehlerhafte. Das Prinzip der Polarität zeigt, dass Erfolg und Scheitern, Können und Versagen, keine getrennten Bereiche sind, sondern zwei Pole desselben menschlichen Erfahrungsraums. Wer nur den einen Pol zulässt und den anderen mit aller Kraft vermeidet, gerät in eine erschöpfende, nie endende Anstrengung — denn der vermiedene Pol verschwindet dadurch nicht, er wird nur ständig abgewehrt. Diese Vermeidung ist oft, tiefer betrachtet, nicht Angst vor dem Fehler selbst, sondern Angst vor dem, was der Fehler über den eigenen Wert aussagen könnte. Reife im Umgang mit Perfektionismus bedeutet nicht, weniger anzustreben, sondern beide Pole — Gelingen und Scheitern — als natürlichen Teil desselben menschlichen Weges anzuerkennen, statt einen davon aus dem eigenen Leben verbannen zu wollen.